DIE ARBEITSWELT DER ZUKUNFT

Zu den Hauptaufgaben von Rückversicherern gehört es, Chancen und Risiken genau gegeneinander abzuwägen. Man kann also davon ausgehen, dass der Kommunikationschef eines der größten Unternehmen dieser Art es getan hat, bevor er sagte, dass der mögliche Nutzen der künstlichen Intelligenz enorm sei.

Sie unterstütze Entscheidungen mit Informationen und könne auf diese Weise Fehlentscheidungen minimieren. Sie verspräche auch, einen alten Traum zu erfüllen: den Menschen von repetitiven Tätigkeiten zu entlasten und Freiräume für kreativere Aufgaben zu schaffen.

Ein schöner Traum, doch für wen gilt er: Arbeiter am Fließband, Sachbearbeiter im Büro, Handwerker, Anwälte? Und welche kreativeren Aufgaben können sie übernehmen? Gibt es sie überhaupt?

Arbeitslos dank Digitalisierung?

Carl Benedikt Frey und Michael Osborne, zwei Wirtschaftswissenschaftler der Universität Oxford, haben im Jahr 2013 für mehr als 700 Berufe in den USA ausgerechnet, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie innerhalb der kommenden 20 Jahre durch Maschinen, Roboter und Software ersetzt werden könnten.

Das Ergebnis: Fast jeder zweite arbeitende Amerikaner läuft Gefahr, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Das betrifft nicht nur Geringqualifizierte, sondern auch die Mittelschicht vom technischen Assistenten bis zum einfachen Anwalt. Für Deutschland haben Wissenschaftler nach der Methode von Frey und Osborne eine Quote von 42 Prozent errechnet.

Wovor sich nun viele fürchten, ist eine mögliche Polarisierung der Arbeitsmärkte. Auf der einen Seite eine kleine, gut verdienende Gruppe hochqualifizierter Maschinenprogrammierer, auf der anderen Seite ein Heer gering qualifizierter Niedriglöhner im Takt der Technik. Prof. Frey gibt eine klare Empfehlung: „Die Menschen werden sich Jobs und Aufgaben zuwenden müssen, die nicht automatisierbar sind. Gleichzeitig müssen einige die notwendigen Kompetenzen für die Bedingungen der neu eingeführten Technologien erwerben.“

Neue Jobs dank Digitalisierung!

Kritiker der Studie wenden ein, dass nicht in erster Linie komplette Berufe durch Maschinen, Roboter und Software bedroht werden, sondern einzelne Tätigkeiten. Insbesondere diejenigen, bei denen es auf Präzision und Routine ankommt. Hier sind Maschinen den Menschen überlegen. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die betroffenen Tätigkeiten vollständig substituiert werden, denn es ergeben sich weite Spielräume für die Ausführung neuer Aufgaben.

Die Soziologinnen Sabine Pfeiffer und Anne Suphan argumentieren, dass es nicht nur um die Frage gehen dürfe, ob ein Fertigungsmitarbeiter durch einen Schweißroboter ersetzt wird oder die Sachbearbeitungstätigkeit in der Beschaffung verschwindet, weil die Bewertung von Zulieferfirmen durch einen Algorithmus erfolgt.

Es müsse vielmehr berücksichtigt werden, dass Geschäftsmodelle sich radikal ändern und Wertschöpfungsketten neu konstruiert werden. Wenn traditionelle Formen der Arbeitsteilung sich auflösen und neue, hybride Qualifikationen gefragt sind, entstehen auch neue Arbeitsplätze.

Eine verstärkte Kundenorientierung erfordert von den Mitarbeitern z.B. flexibles, situationsadäquates Handeln, soziale Interaktion, Kommunikation sowie individuelles Erfahrungswissen – menschliche Fähigkeiten, die sich nur schwer digitalisieren und automatisieren lassen. Dieses Beispiel widerspricht damit der oben genannten Polarisierungsthese.

Abwarten ist (k)eine Option

Hartmut Hirsch-Kreinsen, Forschungsprofessor an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der TU Dortmund hat sich in einem Aufsatz mit Arbeit und Technik im Kontext von Industrie 4.0 beschäftigt. Darin kommt er zu dem Ergebnis, dass die Folgen der Digitalisierung uneindeutig seien und dass das Verhältnis zwischen digitalen Technologien und menschlicher Arbeit von Widersprüchen und Barrieren geprägt sei. Die vorliegenden Befunde stützten sowohl die Polarisierungsthese wie auch die Annahme einer generellen Aufwertung von Qualifikationen.

Was bedeutet das für Unternehmen und deren Beschäftigte?

Sie können sich passiv verhalten, die Dinge auf sich zukommen lassen und hoffen, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Oder sie folgen den Empfehlungen zur digitalen Bildung, die ein Arbeitskreis der Plattform Industrie 4.0 dem nationalen IT-Gipfel Mitte November vorgelegt hat.

Der Arbeitskreis empfiehlt vier zentrale Schritte:

  • die Veränderungen zu analysieren, die die Digitalisierung mit sich bringt und darauf aufbauend den betrieblichen Qualifizierungsbedarf realistisch und differenziert zu ermitteln
  • Spielräume in der Gestaltung von dualen Ausbildungen im Betrieb noch besser als bisher zu nutzen
  • die Weiterbildung flexibel zu gestalten und z.B. mit jedem Mitarbeiter individuelle Lernziele zu vereinbaren
  • für das Lernen am Arbeitsplatz einen Rahmen zu schaffen, Arbeit altersgerecht und lernfördernd zu gestalten sowie vermehrt arbeitsplatzintegierte, flexible Lernformen zu nutzen.

Wer sich im Markt behaupten will, muss handeln. Abwarten ist keine Option.

Herzliche Grüße
Ihr Michael Arpe