DAS ENDE DER PROVINZ

In England und Frankreich ist es ganz einfach: Alles, was nicht London und nicht Paris ist, gilt als Provinz – ungeachtet der Größe. In den beiden Hauptstädten wohnen nicht nur die meisten Menschen, sie sind auch die wirtschaftlichen und kulturellen Zentren ihrer Länder. In Deutschland würde niemand behaupten, dass alles, was nicht Berlin ist, Provinz ist. Berlin ist zwar die bevölkerungsreichste Stadt und verfügt über das breiteste kulturelle Angebot, aber wirtschaftlich gesehen spielt die Hauptstadt nur eine Nebenrolle.

Was macht Provinz aus?

Der Soziologe Prof. Hermann Lübbe beschäftigte sich intensiv mit dieser Frage. In seinem heute noch lesenswerten Aufsatz „Die Metropolen und das Ende der Provinz“ stellte er bereits 1995 fest, dass der Unterschied zwischen metropolitanem und provinziellem Leben fortschreitend geringer wird. Ein Kriterium für ihn war die „Dichte kultureller Partizipationschancen“. Hier gäbe es zwar nach wie vor Diskrepanzen, deren „lebenspraktische Bedeutung“ sei aber zurückgegangen: „Die Fülle des Gebotenen übersteigt überall unsere Rezeptionskapazitäten hoffnungslos.“ Eine Aussage, die er mit zahlreichen Beispielen belegte.

Noch wichtiger war ihm der folgende Aspekt: „Die Dichte der Beziehungsnetze, die uns in der modernen Zivilisation zentralitätsfrei miteinander verbinden, nimmt ständig zu.“ Es wäre ein Mangel an sozialer Phantasie, wenn wir verkennen würden, welche umwälzenden sozialen und kulturellen Veränderungen von den zentralitätsfreien Beziehungsnetzen ausgehen. Mit anderen Worten: Dank der modernen Kommunikationsmöglichkeiten verliert die Provinz endgültig den Status der Abgeschiedenheit.


„Intellektuelle Provinzschelte ist unter diesen Bedingungen Ausdruck eines Verhaftetseins an Vergangenheiten, in denen solche Schelte noch einen Sinn hatte.“

Prof. Hermann Lübbe

Zurück in die Stadt

Trotz der Landlust vieler Menschen gibt es schon seit einigen Jahren einen deutlichen Trend der Urbanisierung in Deutschland. Das Wohnungsunternehmen Vonovia und der Immobiliendienstleister CBRE berichten in ihrem „Wohnmarktreport Deutschland 2016“, dass neben jungen so genannten „Ausbildungswanderern“ immer mehr Familien und Einpersonenhaushalte von den Vorteilen städtischen Wohnens angezogen werden. Als Beispiele werden kurze Wege, gute Nahversorgung und ein breites kulturelles Angebot genannt.

Wachsender Beliebtheit erfreuen sich nicht nur die Metropolen Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, München und Stuttgart, sondern auch unsere Standorte Dresden (Kategorie „dynamische Städte“) und Kiel (Kategorie „Good Performer“).

Dresden: Kultur trifft Hochtechnologie

Für die Autoren des Wohnmarktreports glänzt die einstige Residenzstadt Dresden mit einer spannenden Mischung aus Tradition und Moderne. Trotz schwerer Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg hätte die Altstadt viele reizvolle Ensembles bewahrt oder im Stil historisierender Rekonstruktion wiedergewonnen.

Nach der Wiedervereinigung hätte Dresden nicht nur auf Kultur und Tourismus gesetzt, sondern sich auch zu einem bedeutenden europäischen Technologiestandort entwickelt. Motor der dynamischen Wirtschaftsentwicklung im „SiliconSaxony“ seien die drei Kompetenzfelder Mikroelektronik, Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Neue Werkstoffe, Nanotechnologie, Photovoltaik und die Bereiche Life Science und Biotechnologie. Jeder zweite in Europa gefertigte Chip werde in Dresden produziert. Neben zahlreichen Global Playern agierten hier vor allem zukunftsorientierte Mittelständler.

Kiel: Zukunftsträchtiger Branchenmix

Auch die Entwicklung Kiels wird gelobt. Die einst von Werften, Maschinenbau und Elektrotechnik geprägte Stadt hätte den Strukturwandel erfolgreich bewältigt. Zu den zukunftsträchtigen Branchen der Stadt zählten die Meeres- und Umwelttechnologie, die Gesundheitswirtschaft/Medizintechnik, die Informations-, Kommunikations- und Biotechnologie sowie Multimedia und die Werftentechnologie.

Von Ende 2011 bis Ende 2014 sei die Zahl der Bewohner um 2,3 Prozent gestiegen und damit stärker als im deutschlandweiten Schnitt (1,1 Prozent). Da die natürliche Bevölkerungsentwicklung in den vergangenen Jahren in Kiel negativ verlaufen sei, ginge der Zuwachs allein auf Wanderungsgewinne zurück. „Besonders stark sind, auch dank der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, die 18- bis 29-Jährigen in der Stadt vertreten. Der Anteil dieser Altersgruppe liegt in Kiel mit 21,3 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 14,0 Prozent.“ (Wohnmarktreport Deutschland 2016)

Wir lieben unsere Standorte

Dass wir uns in Kiel und Dresden so wohl und heimisch fühlen, liegt auch an der Dichte der kulturellen Partizipationschancen. Sie sorgt dafür, dass man in beiden Landeshauptstädten nicht nur sehr gut arbeiten, sondern auch sehr gut leben kann.

Herzliche Grüße
Ihr Michael Arpe