DER WERT UNSERES DENKENS: KOMPLEXITäT

Was ein namentlich nicht genannter Autor der Management School St. Gallen im Spätherbst letzten Jahres schrieb, klingt heute wie eine Prophezeiung: „Wir spüren, dass die Gegenwart fast von Tag zu Tag unsicherer und ungewisser wird. Unsicher heisst, dass wir nicht mehr wissen, wann sich die Lage wieder normalisiert. Und ungewiss heißt, dass wir in vielen Fällen gar nicht mehr wissen, was eigentlich ein anzustrebender Normalzustand ist.“

Worauf wir uns einstellen müssen

Viele Menschen sind nicht mehr an Fakten interessiert, weil ihnen die gefühlte Wahrheit wichtiger ist oder weil „alternative Fakten“ besser in ihr Weltbild passen. Für diese Menschen ist Komplexität eine bequeme Ausrede. Sie vertrauen lieber denjenigen, die ihnen die Welt erklären – mit möglichst einfachen Antworten.

„Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung.
Und sie ist immer falsch.“

Henry Louis Mencken

Die weltweite Finanzkrise, die durch die Insolvenz von Lehmann Brothers im Herbst 2008 ausgelöst wurde, hat gezeigt, dass Ereignisse, die selten und höchst unwahrscheinlich sind – so genannte „Schwarze Schwäne“ – dennoch eintreten können. Und die Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima im März 2011 hat uns allen vor Augen geführt, dass auch „Restrisiken“ Realität werden können.

Was können wir daraus lernen? Das alte Sprichwort, dass es erstens anders kommt und zweitens als man denkt, gilt offensichtlich immer noch. Was sich verändert, sind die steigende Geschwindigkeit und das Ausmaß der Veränderungen, die zunehmende Interdependenz der Ereignisse und die stetig wachsende Flut von Informationen und Daten.

Der Physiker und Philosoph Marco Wehr bezeichnete diese Entwicklung vor einigen Jahren als Komplexitätsfalle: „Wir verlieren uns in den Nebeln eines Informationsuniversums, das wir leichtfertig selbst erschaffen haben. Auf diese Weise machen wir uns zu Sklaven einer Komplexität, die vernunftbasiertes Handeln nicht erlaubt, da niemand mehr in der Lage ist, auf der Grundlage von Erfahrungen verlässliche Prognosen für die Zukunft abzugeben.“

Wie macht man Komplexität beherrschbar?

Im Gegensatz zu Marco Wehr sind wir überzeugt, dass vernunftbasiertes Handeln auch dann möglich ist, wenn man die Vergangenheit nicht in die Zukunft fortschreiben kann. Dafür müssen wir uns allerdings von dem Gedanken frei machen, dass es nur eine einzige Zukunft gibt – wir müssen vielmehr in möglichen „Zukünften“ denken.

Das ist eine intellektuelle Herausforderung: Wir müssen zunächst das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden, wir müssen Daten und Informationen verdichten, um die essentiellen herauszufiltern und wir dürfen Korrelationen nicht mit Kausalitäten verwechseln. Zahlen, schrieb Marco Wehr in einem anderen Aufsatz, gehören zur symbolischen Beschreibungsebene und sind keine kausalen Gründe, die etwas bewirken und damit physikalisches Verhalten bedingen.

Wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir das Kondensat unserer Analysen und unseres Denkens als Ausgangspunkt nehmen, um die entscheidende Frage zu stellen: Was wäre wenn?

Was wäre, wenn Markteintrittsbarrieren wegfielen? Neue Wettbewerber mit einem anderen Geschäftsmodell auftauchten? Neue Technologien zur Verfügung ständen? Handelsbarrieren errichtet würden?

Mit Hilfe solcher Szenarien wird Komplexität beherrschbar. Wer sie durchspielt, kann vernunftbasierte Entscheidungen für die Zukunft treffen und neue Möglichkeiten entdecken.

Herzliche Grüße
Ihr Michael Arpe