LOSGRÖSSE 1

Als Henry Ford 1914 sein Modell T anbot, versprach er seinen Kunden, sie könnten es in jeder beliebigen Farbe lackieren lassen, solange die Farbe schwarz sei. Wahlmöglichkeiten hatten die Kunden also keine, trotzdem war das Modell T über Jahrzehnte das meistverkaufte Auto der Welt.

Etwas mehr als 100 Jahre später steht nicht mehr das Produkt im Vordergrund sondern der Kunde. Wer heute sein Wunschfahrzeug konfiguriert, kann nicht nur unterschiedliche Farben auswählen, sondern auch Motoren, Felgen und zahllose Sonderausstattungen. Jeder Käufer soll die Möglichkeit haben, das Auto nach seinen Wünschen möglichst individuell zu „gestalten“.

Mit dem Wunsch nach Individualisierung kehrt die Fertigung zu ihren Wurzeln zurück, als in Manufakturen individuell nach Kundenwünschen produziert wurde. Die große Herausforderung besteht darin, auch die Umsetzung kleiner Stückzahlen wirtschaftlich zu gestalten.

Individualisierung als Innovationstreiber

Sowohl im B2C als auch im B2B erweist sich der Wunsch nach individuellen Produkten als Innovationstreiber. Gemeinsam mit dem Kunststoffverarbeiter und Automobilzulieferer Oechsler arbeitet adidas an einem Projekt namens „Speedfactory“. Die Vision: Jeden Tag die richtige Stückzahl zu produzieren.
Das Ziel: Ein Kunde kann morgens im Sportfachgeschäft einen Schuh mit einer für ihn passenden Sohle, einem Obermaterial seiner Wahl und einem individuellen Aussehen bestellen und abends dort abholen. Das Ergebnis: Ein völlig neues operatives Geschäftsmodell mit heimischer Produktion, kurzen Wegen, niedrigen Lager- und Transportkosten und hoher Effizienz. „Aus Handwerkskunst wird Ingenieurskunst“ beschreibt der Projektleiter das Konzept. 2016 soll die Produktion im fränkischen Ansbach beginnen.

Nobilia in Westfalen produziert täglich 2.870 Einbauküchen mit unterschiedlichen Unter-, Wand- und Hochschränken, Frontdesigns, Beschlagelementen, Griff- und Blendenvarianten: Serienproduktion mit Losgröße 1. Möglich wird dies durch eine computerbasierte Steuerung des Fertigungsprozesses, die jedes Teil und jeden Prozessschritt abbildet. Damit kann man jederzeit sehen, welches Teil eines Küchenmöbels sich an welcher Stelle des Prozessablaufes befindet. Das Besondere: Die Produktion wird vom Ende her geplant und über Zeiteinheiten gesteuert. So wird sichergestellt, dass alle Elemente von den neun Montagelinien mit der richtigen Taktung in den Verladestrom eingehen und Küche, Elektrogeräte und Zubehör vollständig und pünktlich in den vorgesehenen Lkw verladen werden können.

Dirigenten der Wertschöpfung

Im Gegensatz zu adidas und Nobilia steht bei SEW Eurodrive nach wie vor der Mensch im Mittelpunkt. Der Spezialist für Antriebstechnik produziert in einer seiner Fabriken im nordbadischen Graben-Neudorf Getriebe für Elektromotoren. Die Anzahl der Varianten ist groß, die Stückzahlen sind klein. Auch Einzelstücke werden auf den sechs Montageinseln gefertigt. Die SEW-Lösung: Vertriebsmitarbeiter konfigurieren den jeweiligen Kundenauftrag aus dem Teilebaukasten. Ein anderer Mitarbeiter, der so genannte Dirigent, übernimmt die Feinsteuerung und entscheidet, auf welcher Montageinsel und in welcher Montagezelle der Auftrag am besten ausgeführt werden kann. Das Ergebnis: Eine Produktivitätssteigerung von 25 bis 30 Prozent und eine sinkende Fehlerrate.

„Der Mensch ist Herr der Produktion.“

Auch bei Mercedes-Benz führt der Trend zur Individualisierung zu Konsequenzen, die viele überraschen dürften. In einem Interview sagte der Produktionsvorstand Markus Schäfer im März 2016, dass der Automatisierungsgrad in allen Werken zurückgefahren werde, weil er angesichts der Modellvielfalt und der Individualisierung nicht mehr sinnvoll sei.

„Wir kamen aus einer Welt mit wenigen Produkten und viel Handarbeit. Mittlerweile sind wir in einer automatisierten Welt angekommen. Nun gehen wir einen Schritt zurück und werden noch flexibler, noch globaler und werden das Thema „Mensch-Roboter-Kooperation“ in den Mittelpunkt stellen. Der Mensch ist Herr der Produktion. Er kontrolliert den Gesamtprozess und nutzt die Robotik. Es werden nicht die Roboter verschwinden, es werden zukünftig nur ganz andere Roboter sein, die dem Menschen dienen.“

Herzliche Grüße
Ihr Michael Arpe