MOONSHOTS

Am 25. Mai 1961 verkündete John F. Kennedy, dass noch vor Ablauf der nächsten zehn Jahre ein US-Amerikaner den Mond betreten und gesund wieder auf die Erde zurückkehren werde. Der Pioniergeist Kennedys wurde im nächsten Satz deutlich: Wir wissen zwar noch nicht, wie wir es anstellen sollen, wir werden es aber trotzdem machen.

Auch Larry Page und Sergey Brin, die beiden Google-Gründer, haben diesen Pioniergeist. Ihre Ziele sind aber noch ambitionierter: Sie wollen die Welt mit ihren Ideen radikal verbessern (make the world a radically better place). Als Startrampe dafür wurde die Moonshot-Fabrik „X“ gegründet, wobei X für das Unbekannte stehen soll. Für die Auswahl möglicher Projekte gibt es ein einfaches Konzept: Gesucht wird die Schnittmenge eines großen Problems, einer radikalen Lösung und einer bahnbrechenden Technologie.

Das Problem muss so groß sein, dass es Millionen – besser noch – Milliarden von Menschen betrifft. Die gesuchte radikale Lösung erscheint aus heutiger Sicht unmöglich, fast wie Science Fiction. Die Technologie muss so beschaffen sein, dass eine Umsetzung innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre möglich erscheint. Und schließlich: Projekte, die nicht das Potenzial aufweisen, sich zu profitablen Unternehmen weiter zu entwickeln, werden abgebrochen und auf Eis gelegt.

Ist „X“ ein Vorbild?

Natürlich kann man jetzt sagen, Google kann sich eine derartige Denkfabrik leisten, weil es zu den profitabelsten Unternehmen der Welt gehört. Und nur wenige Unternehmer haben ein so ausgeprägtes Sendungsbewusstsein wie Larry Page und Sergey Brin. Aber darum geht es nicht.

Was uns als Vorbild dienen kann, ist der Anspruch von „X“. Eine Lösung ist nicht radikal, wenn sie den Status Quo um zehn Prozent verbessert. Sie ist es erst, wenn sie zehnmal besser ist. Mit anderen Worten: Funktionsoptimierungen reichen nicht aus, gesucht werden Prozessmusterwechsel.

Astro Teller, der sich auf der X-Website selbst als „Captain of Moonshots“ bezeichnet, ist sich der Größe dieser Herausforderung bewusst. Deshalb schreibt er in dem Operating Manual des Unternehmens, dass das Scheitern für jedes seiner Teams zum normalen Alltag gehöre. Wer nach radikalen Lösungen suche, müsse zwangsläufig Fehler machen. Eine der größten Tugenden des Unternehmens bestände darin, Ideen wieder zu verwerfen, aus den Fehlern zu lernen und neue Ideen zu entwickeln.

„Fall in love with the problem, not the solution.“

Astro Teller

Die wichtigste Erfindung der letzten 2.000 Jahre

Für den Linguisten George Lakoff ist unsere Fähigkeit, immer wieder neue Ideen zu entwickeln, sogar die wichtigste Erfindung der letzten 2.000 Jahre: „Die elementarste, vollkommen allgemeine Erfindung geistiger Natur ist die Idee an sich.“ Dass man aktiv und bewusst neue Ideen hervorbringen könne, stelle eine Voraussetzung für alle anderen menschlichen Erfindungen dar. Obwohl wir dies als selbstverständlich betrachteten, sei es keineswegs eine natürliche Entwicklung. Dreijährige Kinder hätten ständig neue Ideen, aber sie hätten nicht die Idee einer Idee – die Idee, dass sie neue Ideen konstruieren können.

Raus aus der Komfortzone

Nutzen wir unsere Fähigkeit, neue Ideen zu entwickeln. Wir müssen nicht die großen Probleme der Menschheit lösen. Die Herausforderung, den digitalen Wandel erfolgreich zu gestalten, ist groß genug. Das Forschungskuratorium Textil sagt, was dabei unser Ziel sein soll: Das Denkbare machen statt das Machbare denken.

Herzliche Grüße
Ihr Michael Arpe