PRODUKTENTWICKLUNG: PERFEKTIONISMUS VS. PRAGMATISMUS

Perfektion bedeutet Vollkommenheit oder auch vollendete Meisterschaft. Für Perfektionisten ist das Erreichen von Höchstleistungen eine Lebenseinstellung,
der sie mit Leidenschaft nachgehen. In diesem Zusammenhang werden oft Spitzensportler, Musiker und Chirurgen genannt. Als Motivation spielt Geld dabei i.d.R. nur eine untergeordnete Rolle, wichtiger ist das Erreichen persönlicher Ziele – wie z.B. die Nummer 1 einer Rangliste zu werden oder eine Pionierleistung zu vollbringen.

Insbesondere in Deutschland gibt es noch eine weitere Berufsgruppe, deren Mitglieder nach Höchstleistungen streben: Ingenieure. Dank ihrer Ideen und
ihres Forscherdrangs sind Produkte mit dem Label „Made in Germany“ zu Symbolen für Qualität, Funktionalität, Sicherheit und Langlebigkeit geworden.

Doch der digitale Wandel zwingt auch die Ingenieure zu einem Umdenken: Zum einen, weil die bloße Optimierung von Funktionen nicht mehr ausreicht, um im Wettbewerb zu bestehen, zum anderen, weil nicht alle potenziellen Kunden an Premium- bzw. High-Tech-Produkten interessiert sind.

Over-engineering lohnt sich nicht (mehr)

Hans-Jochen Beilke, der ehemalige Vorsitzende der Geschäftsführung des Maschinenbauers ebm-papst, erklärte dazu in einem Interview: „Deutsche Anbieter wollen oft besser sein, als es der Kunde fordert. Unsere Artikel müssen reibungslos funktionieren, aber es stört keinen chinesischen Kunden, wenn der Luftspalt im Ventilator einen Millimeter breiter ausfällt als im teureren Produkt – seines aber günstiger ist.“

„Wenn nur Ingenieure die Unterschiede entdecken, hat der Kunde nichts davon.“

Bernd Pischetsrieder

Entscheidend ist nicht, was technisch möglich und machbar ist, sondern was den Kundennutzen steigert. In Deutschland herrsche die Meinung vor, dass dies nur mit zusätzlichen Funktionen möglich sei, schreibt Günther Schuh, Inhaber des Lehrstuhls für Produktionssystematik an der RWTH Aachen. Doch das sei ein Irrtum: Ein Übererfüllen der Anforderungen (Over-engineering) führe nicht dazu, dass die Kunden höhere Preise akzeptierten. Wer auf Wachstumsmärkten erfolgreich sein wolle, müsse das Verhältnis von Funktionalität und Preis
verbessern.

Neues Denken für neue Märkte

Das Abspecken vorhandener Lösungen (Down-sizing) ist ein möglicher Weg. Er birgt aber die Gefahr, dass weiterhin Teile/Komponenten genutzt werden, die für eine reduzierte Funktionalität zu teuer bzw. zu komplex sind.

Ausgangspunkt muss deshalb die Frage sein, wie der gewünschte Kundennutzen möglichst einfach realisiert werden kann. Der Aufbau der Produkte müsse so erfolgen, schreibt Günther Schuh, dass alle Grundfunktionen durch erprobte Standardteile abgedeckt werden und nur für differenzierende Teile produkt- und kundenspezifische Lösungen angefertigt werden. Auch sollten in der Struktur nicht alle Eventualitäten abgebildet sein. Hier müsse man einen Kompromiss zwischen Anforderungsabdeckung und Kosten finden.

Die Umkehrung der Prioritäten

Hinzu kommt, dass die Digitalisierung die Prioritäten umgekehrt hat. Noch vor wenigen Jahren war die Qualität der Hardware entscheidend für den Erfolg eines Produktes. Dann rückte die elektronische Ausstattung in den Fokus und wurde das differenzierende Kriterium. Heute und in Zukunft ist es die Software.

Der Entwicklungsvorstand eines großen deutschen Automobilherstellers sagte kurz vor Beginn der IAA dazu: „Grundsätzlich benötigen wir weniger Menschen, die sich um Hardware kümmern. Dafür benötigen wir mehr Elektroniker, Elektrochemiker im Hochvoltbereich, Programmierer und Informatiker.“

Was bedeutet das? Bei der Entwicklung physischer Produkte ist Pragmatismus heute wichtiger als Perfektionismus. Höchstleistungen müssen immer noch erbracht werden, aber auf einem anderen Gebiet: Bei der Entwicklung von Ökosystemen, in die die neuen Produkte eingebettet sind.
Wir helfen Ihnen gern – bei beiden Aufgaben.

Herzliche Grüße
Ihr Michael Arpe