SHARE ECONOMY

Als der amerikanische Zukunftsforscher Jeremy Rifkin im Jahr 2000 prophezeite, dass die schnelle Verfügbarkeit von Leistungen und Funktionen auf Dauer eine höhere Bedeutung einnehmen werde als der Besitz, wurde er von vielen belächelt. 16 Jahre später kann er sich bestätigt fühlen. Wie eine repräsentative Befragung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung im April 2016 ergeben hat, kann sich jeder dritte Deutsche vorstellen, auf Eigentum zu verzichten und statt dessen Produkte lieber zu teilen und zu tauschen.

Eine alte Idee in neuem Gewand

Geteilt haben die Menschen schon immer: Im Mittelalter gab es in fast jedem Dorf eine Gemeindewiese – die Allmende – auf der alle Gemeindemitglieder ihr Vieh weiden lassen konnten. Auch heute noch werden Ressourcen gemeinschaftlich genutzt, man denke nur an Bibliotheken, Schwimmbäder, Waschsalons, öffentliche Parks sowie Wohn- und Fahrgemeinschaften. Auch Wissen wird gemeinschaftlich zusammengetragen und allen zugänglich gemacht, was dazu geführt hat, dass Wikipedia gedruckte Lexika vom Markt verdrängt hat.

Was ist wirklich wichtig?

Was macht den Gedanken des Teilens so attraktiv für viele Menschen? Zum einen geht es um die Frage, wie viel Besitz man braucht, um glücklich zu sein. Definiert man sich über das, was man hat oder über das, worauf man (demonstrativ) verzichtet?

Zum anderen geht es darum, wie man sein Leben führt. Die größte deutsche Versicherung sagt es in einer Broschüre kurz und knapp: „Teilen ist der neue Leitbegriff für eine nachhaltige(re) Zukunft“. Wer teilt statt zu besitzen, verbraucht weniger Ressourcen, achtet auf seine Umwelt, lebt bewusst und solidarisch.

Nils Goldschmidt, Wirtschaftsprofessor an der Universität Siegen schrieb dazu: „Die Ökonomie des Teilens kann auch als Versuch verstanden werden, wieder zu überschaubaren Wirtschaftsbeziehungen und persönlichen Austauschprozessen zurückzukehren.“

Sharing als Geschäftsmodell

Teilen kann uneigennützig sein, man kann aber auch Geld damit verdienen.
Unternehmen wie der Fahrdienst Uber und die Übernachtungsplattform Airbnb nutzen aus, dass digitale Technologien Transaktionskosten auf ein Minimum reduzieren. Einmal registriert verbinden sich Menschen per einfachem Klick, um eine private, zeitweilige Geschäftsbeziehung einzugehen. Für diese Leistung erheben die Plattformanbieter Vermittlungsgebühren.

Ein einfaches Geschäftsmodell, das sich auch auf andere Branchen übertragen lässt. Erfolg stellt sich aber nur dann ein, wenn die Menschen dazu bereit sind, ihren Besitz mit anderen zu teilen. „Why own it“ bot Bundesbürgern die Möglichkeit, Bohrmaschinen, Skiausrüstungen und Bücher zu leihen statt zu kaufen. Ein verlockendes Angebot, das jedoch daran scheiterte, dass zwar viele Menschen etwas leihen wollten, aber nur die wenigsten etwas verleihen.

Risiken und Nebenwirkungen

Hinzu kommt die unklare Rechtslage bei vielen Leihgeschäften. Überlässt jemand seine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus anderen Gästen und verursachen diese einen Wasserschaden, der das ganze Haus betrifft, wer haftet dann dafür? Und was passiert, wenn ein Fahrer eines Plattformdienstes einen Unfall mit Personenschäden verursacht, aber nur unzureichend versichert ist?

Geschäfte dieser Art zu verbieten, wäre eine mögliche Lösung, aber es wäre eine schlechte. Ideen, die einmal in der Welt sind, lassen sich nicht wieder einfangen. Besser ist es, rechtliche Rahmenbedingungen für Internet-Vermittlungsdienste zu schaffen, die die Geschäftsbeziehungen von vermittelten Privatpersonen beinhalten und die verhindern, dass bestehende Gesetze und Normen unterlaufen werden.

share-economy_newyork-cabs_540

Eine paradoxe Nebenwirkung des Carsharing stellte das Wirtschaftsmagazin „The Economist“ fest. Durch den Markteintritt von Uber stieg in New York die Anzahl der Taxifahrten von 14,8 Millionen im Juni 2013 auf 17,5 Millionen im Juni 2015 – zu Lasten des öffentlichen Personennahverkehrs und zu Lasten der Umwelt.

Was es bedeutet,
wenn Besitz an Bedeutung verliert

Die Befragung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zeigt, dass jüngere Menschen dem Teilen, Tauschen und Leihen viel aufgeschlossener gegenüber stehen als ältere. In der Generation der 14- bis 29-Jährigen findet fast jeder Zweite (47 Prozent) diesen Gedanken reizvoll. 45 Prozent der Deutschen glauben an einen positiven Einfluss des Trends auf die Gesellschaft. 66 Prozent sind der Ansicht, dass Sharing-Angebote einen Beitrag zum Umweltschutz leisten. Allerdings sagen 73 Prozent der Befragten, dass Angebote der Sharing-Economy in Städten besser funktionieren als auf dem Land.

Die deutsche Wirtschaft wird sich darauf einstellen und ihre Geschäfts- und Erlösmodelle überprüfen müssen. Carsharing ist nur der Anfang. Dieter Zetsche, der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG, gab Ende Juni die Richtung vor: Das Unternehmen werde sich in den kommenden zehn Jahren radikal verändern und zu einem Mobilitätsanbieter werden, der Fahrzeuge nicht nur verkauft, sondern auch vermietet und teilt.

Herzliche Grüße
Ihr Michael Arpe